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Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel kennt kaum eine sensiblere Kennzahl als den Butterpreis. Das klassische Blockfett fungiert seit Jahrzehnten als sogenannter Eckpreisartikel – ein Produkt, dessen Preis Kunden in den Laden zieht und an dem sie die Teuerung ablesen, obwohl es im Warenkorb anteilig kaum eine Rolle spielt. Jeder Cent Aufschlag an der Kühltheke wird hitzig debattiert, während die Margen für die Molkereien im dauerhaften Aktionsdruck zermahlen werden. Anfang 2026 senkten Lidl und Aldi den Preis für das 250-Gramm-Päckchen Deutsche Markenbutter zeitgleich auf 1,05 Euro – ein Niveau, bei dem laut Lidl-Aussage »ein Cent pro Stück« als Handelsmarge ausreichen müsse. Butter blieb in diesem System lange Zeit einfach nur Butter.

Ein kultureller Bruch ereignete sich im September 2022 auf TikTok. Die Food-Creatorin Justine Doiron bestrich ein Holzbrett großzügig mit weicher Butter, dekorierte die Fläche mit Meersalz, Zitronenabrieb und Honig und tunkte ein Stück Brot hinein. Sie verwies in ihrem Video selbst auf das Kochbuch Six Seasons des Portlander Kochs Joshua McFadden, in dem das Konzept bereits 2017 stand. Das Rezept war also nicht neu, aber die Plattform-Mechanik machte daraus einen globalen Trend: Das sogenannte Butter Board sammelte unter dem entsprechenden Hashtag innerhalb weniger Wochen Hunderte Millionen Aufrufe und befreite das Produkt aus seiner tristen Rolle als reines Streichfett. Plötzlich funktionierte die Kategorie als visuelle Leinwand.

All Things Butter

Genau diese Aufwertung nutzte der britische Koch Thomas Straker, der mit seiner Social-Media-Serie All Things Butter ein Millionenpublikum aufbaute. Er aromatisierte Butter wochenlang in hunderten Variationen und machte aus einer simplen Küchenzutat ein begehrtes Unterhaltungsformat. Gemeinsam mit seinem Schulfreund Toby Hopkinson – zuvor Head of Growth beim britischen Functional-Drinks-Startup TRIP – gründete er das gleichnamige Startup und brachte im November 2023 vier Sorten in den Handel. Produziert wird auf Brue Valley Farm in Somerset, einem traditionellen Familienbetrieb, der die Butter in einem zweistufigen Rührverfahren herstellt, was ihr eine besonders cremige Textur verleiht. Das Sortiment erweiterte sich rasch um komplexe Varianten wie Cinnamon Bun oder Chocolate Butter.

Das Geschäftsmodell folgt der klaren Mechanik des Affordable Luxury. Konsumierende werten ihre einfachen Alltagsgerichte mit einem Handgriff auf, während das Startup Margen erzielt, die im klassischen Preiskampf der Großmolkereien undenkbar wären. In den USA skaliert Churn Foods aus Los Angeles seit 2020 exakt dieses Playbook und füllt Premium-Regale bei Costco, Bristol Farms oder Erewhon mit hochpreisigen Sorten wie Miso, Truffle oder Maple Cinnamon – für rund zehn US-Dollar pro 85-Gramm-Päckchen.

Churn Foods

Während diese Gründerteams das Produkt durch kulinarische Aromatisierung veredeln, arbeitet eine andere Gruppe von Startups an der kompletten Demontage der landwirtschaftlichen Lieferkette. Die klassische Margarine hat in diesem Umfeld längst ausgedient, da sie sensorisch nicht an den Premium-Anspruch der neuen Zielgruppen anknüpfen kann. Stattdessen positioniert sich die pflanzliche Variante als technologischer Flex. Das niederländische B-Corp-Startup Willicroft brachte 2023 mit Original Better eine fermentierte Butter aus weißen Bohnen und europäischen Sojabohnen auf den Markt, deren CO₂-Bilanz nach Unternehmensangaben rund 25-mal niedriger lag als die ihres tierischen Pendants. Anfang 2025 stellte das Team den Betrieb dennoch ein – die Finanzierung war geplatzt. Co-Gründer Brad Vanstone machte das öffentlich und vergrub eine Gedenkplakette in den schottischen Highlands. Die Geschichte zeigt, wie schmal der Grat zwischen technologischer Innovation und unternehmerischer Tragfähigkeit auch dann bleibt, wenn das Produkt überzeugt.

Deutlich radikaler geht das von Bill Gates über Breakthrough Energy Ventures mitfinanzierte US-Startup Savor vor. Das Team mit Sitz in San Jose umgeht die Landwirtschaft komplett und setzt auf einen thermochemischen Prozess. Dabei werden Kohlendioxid aus der Luft und Wasserstoff aus Wasser zu Fettmolekülen kombiniert, die chemisch identisch mit tierischem Milchfett sind. Im März 2025 startete der kommerzielle Verkauf an erste Restaurants und Bäckereien, darunter Atelier Crenn und SingleThread. Zur Weihnachtssaison folgten Schokoladen, die mit dem Laborfett produziert wurden. Die Markteinführung im Einzelhandel ist für 2027 angekündigt. Die Entkopplung von Fett und Tier ist damit keine ferne Vision mehr, sondern bereits an einigen Tellern Realität.

Wer sich weder für aromatisierte Hype-Produkte noch für thermochemisches Laborfett interessiert, greift interessanterweise immer häufiger auf eine der ältesten Zubereitungsarten zurück. Ghee erfährt eine spürbare globale Renaissance.

Google Trends: Suchbegriff “Ghee”, weltweit, seit 2004

Das traditionelle indische Butterschmalz entsteht durch langes Köcheln, wodurch Wasser, Milchzucker und Milcheiweiß vollständig entfernt werden. Übrig bleibt ein laktosefreies Reinfett, das sich hoch erhitzen lässt und nahezu unbegrenzt haltbar ist. Was jahrelang primär in asiatischen Spezialitätenmärkten zu finden war, taucht inzwischen in westlichen Supermärkten ebenso auf wie in den Einkaufslisten von Keto-, Paleo- und Ayurveda-orientierten Zielgruppen, die das flüssige Gold als cleane, funktionale Fettquelle in ihren Alltag integrieren.

Der Markt spaltet sich an dieser Stelle fundamental auf. Auf der einen Seite steht das klassische Angebotsprodukt im Supermarkt, das weiterhin im harten Preiskampf zerrieben wird und kaum Spielraum für den Aufbau einer echten Markenidentität lässt. Auf der anderen Seite entstehen hochprofitable Segmente, in denen Creator-Brands und FoodTech-Pioniere zeigen, wie viel unternehmerische Wertschöpfung in einer Kategorie steckt, die viele längst als ausentwickelt abgeschrieben hatten.

Quellen:

ZDFheute: »Butter: Preise für Milchbauern ein ›wirtschaftliches Desaster‹«, zdfheute.de, 8. Dezember 2025

t-online: »Preisschlacht im Handel: Der Butterpreis fällt«, t-online.de, 12. Dezember 2025

Today: »Butter boards: Why the internet is divided over viral trend«, today.com, 20. September 2022

Yahoo Finance UK: »Meet the Britons aiming to become largest butter brand in UK«, finance.yahoo.com, 16. August 2024

The Grocer: »All Things Butter secures six-figure funding to launch chef-led butter brand«, thegrocer.co.uk, 21. September 2023

Dairy Foods: »Churn Foods collaborates with ›Mean Girls‹ for new butter«, dairyfoods.com, 22. August 2024

Green Queen: »Dutch Vegan Cheese Startup Willicroft Shuts After Funding Troubles«, greenqueen.com.hk, 5. Februar 2025

ESG Dive: »Bill Gates-backed startup launches sustainable butter made from carbon«, esgdive.com, 1. April 2025

CBS Chicago: »Butter made from carbon tastes like the real thing«, cbsnews.com, 7. August 2025

FoodNavigator: »Premiumisation trend growing across food and beverage«, foodnavigator.com, 29. April 2025

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