Während Supplement-Marken mit AM/PM-Systemen bereits vorangehen, bietet der funktionale Lebensmittelmarkt riesige Potenziale für kontextbasierte Produkte jenseits einfacher Inhaltsstoff-Claims.

Der Metabolismus hat seine Prime Time – die wir konsequent ignorieren.

Seit Jahren diskutieren wir über Proteinanteile, Zuckerreduktion und Clean Label. Aber eine Variable ignorieren wir beharrlich: die Zeit. Wann wir essen, ist biologisch fast so wichtig wie das, was wir essen – und eine stark vernachlässigte Chance.

Daniel Pink ist Autor des Buches „When“ und kommt dort zu einer aussagekräftigen Erkentniss: “Früher glaubte ich, Timing sei alles. Jetzt glaube ich, dass alles Timing ist.” LAut Pink ist Timing keine Kunst, sondern eine Wissenschaft. Unsere Leistungsfähigkeit folgt klaren Rhythmen. Was Pink hier beschreibt, gilt 1:1 für die Ernährung. Nur dass wir im Supermarktregal nichts davon merken. Da herrscht immer noch das Prinzip „One size fits all times“.

“I used to believe that timing is everything. Now I believe that everything is timing.”

Daniel Pink (Autor von “When”)

Warum die Uhr den Stoffwechsel schlägt

Oftmals wird unser Körper mit einem Automotor verglichen, der von Kalorien angetrieben wird. Doch der Vergleich hat seine Schwächen. Unser Körper ist kein statischer Verbrennungsofen. Er ist ein hochpräziser Zeitmanager, gesteuert von der Master-Clock im Hypothalamus und peripheren Uhren in unseren Organen. Während dem Motor egal ist, wann man ihm Benzin gibt, ist Timing für unseren Körper sehr entscheidend – und zwar über den gesamten Tag.

  • Morgens (Die Energie-Phase): Hier ist die Insulinsensitivität am höchsten. Der Körper ist auf „Verarbeitung“ programmiert. Glukose wird effizient in die Zellen geschleust, die Stoffwechselrate ist hoch. Wer hier auf komplexe Kohlenhydrate und Proteine setzt, füttert ein System, das bereit ist zu arbeiten.

  • Mittags (Das Leistungsplateau): Die metabolische Leistungsfähigkeit erreicht ihren Peak. Der Körper braucht Nachschub, um das berüchtigte Mittagstief (postprandiale Somnolenz) zu vermeiden – oft ein Zeichen für falsches Timing oder falsche Makros zur falschen Zeit.

  • Abends (Der Reparaturmodus): Die Insulinsensitivität sinkt rapide. Der Körper bereitet sich auf die Regeneration vor. Die Fettoxidation reduziert sich, die Melatoninproduktion läuft an. Wer jetzt schwere, kohlenhydratreiche Kost zu sich nimmt, zwingt den Körper zur Verdauungsarbeit, während er eigentlich Zellen reparieren und DNA-Schäden beheben sollte.

Die Nährstoff-Logik: Timing entscheidet über Wirkung

Auch Inhaltsstoffe sind nur so gut wie das Fenster, in dem sie auf den Stoffwechsel treffen.

  • Proteine: Gehören über den Tag verteilt, aber besonders morgens sind sie essenziell für die Sättigung und die Bereitstellung von Aminosäuren für Neurotransmitter.

  • Magnesium & Zink: Sind abends Gold wert. Sie unterstützen das zentrale Nervensystem beim Herunterfahren und fördern die muskuläre Regeneration.

  • B-Vitamine & Zink: Gehören in die Morgen-Range, um den Energiestoffwechsel und die kognitive Performance anzukurbeln.

Das sind nur einige Beispiele die zeigen: Nahrung hat nicht zu jeder Zeit den selben Effekt.

Die Supplement-Branche ist uns Lichtjahre voraus

Während klassische Food-Marken noch über „High Protein“ Riegel nachdenken, haben Performance-Brands das Potenzial längst erkannt. Sie verkaufen keine Pillen, sie verkaufen Zeitmanagement für unsere Zellen:

  • Thorne (Multi-Vitamin Elite): Trennt strikt in A.M. und P.M. Die Morgen-Formel fokussiert auf Energieproduktion (mit speziellen Vitamin-B-Komplexen), während die Abend-Formel darauf abzielt, Cortisol zu senken und die nächtliche Regeneration zu maximieren.

  • Healthycell (AM/PM Healthspan System): Hier geht es um mehr als Vitamine. Morgens gibt es Fokus, abends DNA-Reparatur und Unterstützung für die Mitochondrien. Das ist Biohacking im Taschenformat.

  • Bulk (Sports Multi AM:PM™): Sportler verstehen Chrono-Logik oft am besten. Bulk liefert morgens den Metabolismus-Boost und abends einen Enzymkomplex für die Verdauung plus Probiotika.

  • fourfive (AM + PM Duo): Ein cleveres Stack-Konzept. Lion’s Mane (Igelstachelbart) für den Fokus am Tag, Reishi-Pilze für die „Bedtime“. Naturheilkunde trifft zirkadianen Rhythmus.

Das weiße Feld im Supermarkt

Im klassischen Lebensmittelsektor existiert Chrononutrition bisher fast nur als Diät-Konzept (morgens fettreich, abends leicht). Das Thema Timing kennt man maximal vom Intervallfasten. Markenranges, die „Breakfast / Lunch / Dinner“ nach biologischer Logik strukturieren, sucht man vergeblich.

Dabei liegen die Konzepte auf der Hand. Wir brauchen keine weiteren Produkte, sondern ein System. Ein „yfood AM“ für kognitive Leistung ist relevanter als die zehnte Geschmacksrichtung. Ein Abend-Snack, der gezielt Magnesium und Aminosäuren zur Regeneration liefert, wäre ein echter Problemlöser.

Wie so etwas als Produkt aussehen könnte:

Tageszeit

Chrono-Logik & Nährstoffe

MORGEN

Hohe Insulinsensitivität nutzen. Fokus auf Sättigung & Neurotransmitter-Vorstufen.

MITTAG

Peak der Leistungsfähigkeit. Komplexe Kohlenhydrate & B-Vitamine für den Metabolismus.

ABEND

Fokus auf Zellreparatur & Melatonin-Vorstufen (Magnesium, Zink, Tryptophan).

Fazit: Fokus neu Denken!

Vielleicht ist die Zukunft der Ernährung gar nicht „smarter“ oder „cleaner“. Vielleicht ist sie einfach besser getaktet. Der Wettbewerbsvorteil der Zukunft liegt nicht in weniger Zucker oder mehr Proteinen, sondern in mehr Kontext.

Bislang gibt es zu viele Marken, die sich an ihren Inhalten ausrichten. Es gibt unzählige Marken, die Produkte mit “Energie” bieten. Koffein für alle Zwecke. Warum den Konsum nicht einfach mal ganzheitlich betrachten und Sortimente bieten, die das richtige Produkt, für die richtige Tageszeit bieten?

Wer als Marke versteht, dass Gesundheit nicht nur eine Frage des Inhalts, sondern auch des Timings ist, schafft eine neue Ebene der Relevanz. Der Raum zwischen Functional Food und Longevity ist noch leer. Wer zuerst einzieht, gewinnt.

Quellen

Akashi, M. et al. (2014): The role of the endocrine system in feeding-induced tissue-specific circadian entrainment. In: Cell Reports. (Mechanismen der Synchronisation durch Nahrung).

Thorne Research (2016): Clinical Trial on Multi-Vitamin Elite P.M. (Athletenstudie zur signifikanten Verkürzung der Einschlafzeit durch gezielte Abend-Supplementierung).