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Der Trend ist das aktuelle Nummer-eins-Argument, mit dem Startups Investoren überzeugen, mit dem Marken Regalplatz beanspruchen und mit dem Prominente vom Football-Quarterback Tom Brady bis zum Ex-Weltmeister André Schürrle in den Markt einsteigen. Wer auf den großen Plattformen danach sucht, bekommt Tausende Treffer ausgespielt, von Pulvern über Sticks und Tabletten bis zu Sportgetränken, Kokoswasser und funktionalen Drinks.

Fragt man allerdings nach, was Hydration eigentlich ist, bekommt man meist verschiedene Antworten. Für die einen geht es darum, überhaupt mehr Wasser zu trinken, für andere um aromatisiertes Wasser, um die Anreicherung mit Elektrolyten oder um anderweitige funktionale Zusätze. Ist Hydration also wirklich ein Trend, oder eher ein Etikett, das je nach Kontext anderes beinhaltet?

Was Hydration eigentlich wäre

Als Branchenkennerin und Co-Founderin der Akoua GmbH stellt Hila Attaie fest, dass der Begriff Hydration heute zwar inflationär verwendet wird, die eigentliche Bedeutung jedoch oft oberflächlich bleibt. Für sie bedeutet Hydration weit mehr als das einfache Trinken von Wasser. Wer schwitzt, verliert nicht nur Flüssigkeit, sondern auch Mineralstoffe. Daher kommt es auf das richtige Zusammenspiel von Elektrolyten und Kohlenhydraten an, und ausdrücklich nicht auf einen hohen Zuckergehalt.

Die Wissenschaft stützt diese Einordnung. Hydration meint die effiziente Aufnahme und Speicherung von Flüssigkeit auf zellulärer Ebene. Der entscheidende Vorgang dabei ist der Natrium-Glukose-Cotransport im Darm. Natrium und Glukose wirken als Transporter, die das Wasser gemeinsam in den Körper ziehen.

Nicht alle Claims halten der Definition stand

Die in der EU für rehydrierende Getränke zugelassene Formel definiert einen eng begrenzten Rahmen für einschlägige Produkte. Laut EFSA muss eine Kohlenhydrat-Elektrolyt-Lösung zwischen 460 und 1.150 Milligramm Natrium pro Liter enthalten sowie eine Osmolalität zwischen 200 und 330 mOsm pro Kilogramm Wasser aufweisen. Entscheidend ist somit das präzise Verhältnis der Bestandteile und nicht deren Menge. Historisch reicht dieser Mechanismus bis zur WHO-Trinklösung gegen Durchfallerkrankungen zurück. Diese wurde 2003 von WHO und UNICEF bewusst zucker- und natriumärmer eingestellt, um eine höhere Verträglichkeit zu gewährleisten.

Klassische Sportgetränke, Limonaden und Säfte erfüllen die Kriterien für eine optimale Rehydrierung meist nicht. Sie enthalten in der Regel zu wenig Natrium und zu viel Zucker, dessen osmotischer Effekt im Extremfall sogar zusätzlich Flüssigkeit entziehen kann. Auch das gern als natürliche Alternative vermarktete Kokoswasser hält dem Vergleich nur bedingt stand. Es ist reich an Kalium, aber vergleichsweise arm an Natrium, dem wichtigsten über Schweiß verlorenen Elektrolyt, und in Studien der Rehydrierung durch ein Sportgetränk nicht überlegen.

Damit zeigt sich die erste Bruchlinie. Ein erheblicher Teil dessen, was im Pitch mit dem Wort Hydration beworben wird, hat mit der ursprünglichen Wissenschaft wenig zu tun. Das Label verspricht eine Funktionalität, die die meisten Produkte gar nicht einlösen.

Ein Label, viele Welten

Wie weit dieses Etikett gespannt ist, lässt sich inzwischen auch in den Regaldaten ablesen. Eine systematische Auswertung der Sortimente im europäischen und nordamerikanischen Handel zeigt ein aufschlussreiches Bild. Unter dem einheitlichen Label »Hydration« versammeln sich Produkte über die gesamte Lebenszyklus-Kurve hinweg, vom längst etablierten Commodity-Getränk bis zu Nischenprodukten, die gerade erst entstehen. Das Wort suggeriert einen einzigen, reifen Trend. Tatsächlich steckt darunter eine Mischung mit völlig unterschiedlichem Reifegrad und einer Preisspanne, die von wenigen Cent bis zu hochpreisigen Spezialpulvern reicht.

Die Unschärfe geht sogar so weit, dass das Wort nicht einmal die Grenze zwischen Getränk und Kosmetik zieht. Ein nennenswerter Teil der Produkte im Handel sind Körperpflegeprodukte, die »Feuchtigkeit« versprechen.

Die vier Lager

Aber wir wollen den Trend dennoch einmal einordnen, oder es zumindest versuchen. Vier Cluster lassen sich anhand der Daten gegenwärtig einigermaßen voneinander trennen.

Performance und Elektrolyte. Dieses Lager steht der eingangs beschriebenen Wissenschaft am nächsten, denn hier geht es tatsächlich um den Ausgleich von Mineralstoffverlusten. Es ist zugleich das am dichtesten besetzte. Das amerikanische LMNT hat die Kategorie mit einer bewusst provokanten These geprägt: »More Salt, Not Less«. Die Marke setzt auf sehr hohe Natriumdosen, rund 1.000 Milligramm pro Portion, deutlich mehr als die üblichen 50 bis 500 Milligramm anderer Produkte, und inszeniert sich als »Salty Rebellion« gegen die offiziellen Ernährungsempfehlungen. Wissenschaftlich ist diese Haltung umstritten. Für Ausdauersportler und Menschen, die stark schwitzen, ist die Menge vertretbar, doch für den Durchschnittskonsumenten warnen Fachleute, dass es schlicht nicht genug Evidenz für den Nutzen einer höheren Natriumzufuhr gibt und eine hohe Zufuhr eher als Risikofaktor gilt. Gegen LMNT wurde Anfang 2026 in den USA sogar eine Sammelklage wegen irreführender Angaben zu den Inhaltsstoffen eingereicht.

Dieselbe High-Salt-Logik verfolgt in Deutschland André Schürrles Dryll, das sich als »High Salt, High Performance«-Getränk positioniert und konsequent auf den Leistungsgedanken einzahlt, vom Ausdauersportler bis zum, in Schürrles Worten, »CEO, der vierzehn Stunden in Meetings sitzt«. Daneben steht eine Reihe weiterer Konzepte mit jeweils eigener Nuance. Das amerikanische Liquid I.V. baut auf dem Prinzip der oralen Rehydratationslösung auf und verbindet das mit einem starken Geschmacks- und Lifestyle-Versprechen sowie einer ausgeprägten Social-Impact-Geschichte rund um den Zugang zu sauberem Wasser. Ultima Replenisher setzt als Gegenentwurf zur Salz-Fraktion bewusst auf ein ausbalanciertes Profil mit niedrigem Natriumgehalt und warnt explizit vor zu hohen Dosen. Buoy wiederum verkauft geschmacksneutrale flüssige Elektrolyt-Tropfen, die sich in jedes Getränk mischen lassen, und hat sich eine besonders loyale Zielgruppe unter Menschen mit chronischen Erkrankungen aufgebaut. Und das deutsche HYDR8, entstanden aus einer studentischen Idee gegen den Kater, hat es als Ready-to-drink-Variante in die Kühlregale mehrerer großer Handelsketten geschafft. Eine Logik, ein gutes Dutzend Auslegungen.

Die Aromatisierung von Wasser. Mit Rehydrierung im engeren Sinn hat dieses Lager kaum etwas zu tun. Sein Ziel ist es, Menschen überhaupt zum Trinken von mehr Wasser zu bewegen, und das möglichst ohne Zucker und ohne den Verpackungsmüll abgefüllter Getränke. Einer der Pioniere ist das österreichische Waterdrop, das mit kleinen löslichen Würfeln auf Frucht- und Pflanzenextrakt-Basis aus aromatisiertem Wasser eine eigene Kategorie gemacht hat und heute international in über 30 Ländern präsent ist. Auffällig ist, dass Waterdrop fast alle seine Produkte mit »Hydration + X« bewirbt, wobei nach der anfangs beschriebenen Logik nur die Version »Hydration + Elektrolyte« auch eine Wirkung erzielt. Doch das zeigt erneut das Problem der Trenddefinition: Es gibt keine klare Abgrenzung. Wenn Hydration nur die reine Steuerung des Flüssigkeitshaushalts meint, dann heißt es nichts anderes als »genug Flüssigkeit trinken«.

Klarer wird es bei Air Up, dessen Trinkflasche allein über Duftkapseln einen Geschmack im Gehirn entstehen lässt, obwohl im Wasser selbst nichts als Wasser ist. Was und wie konsumiert wird, entscheiden hier letztlich die Anwender mit dem, was sie in die Flasche füllen.

Gerade dieses Feld, Wasser plus Geschmack, ruft immer mehr Anbieter auf den Plan. Das Berliner Holy bringt bunte Pulver-Softdrinks als gesündere Energy-Alternative in den Handel, und in der jüngsten Staffel der Höhle der Löwen trat mit Wild&Water ein Konzept aus flüssigen Tee- und Pflanzenextrakten an, das denselben Nachhaltigkeitsgedanken verfolgt, am Ende aber ohne Investment blieb, weil die Löwen die Durchsetzbarkeit im überfüllten Markt bezweifelten.

Der natürliche Twist. Bei aller Innovation im Markt, ohne Ready-to-drink geht nichts. Und noch besser wirds, wenn es auch natürlich geht. Eines der neuesten Beispiele ist Tom Bradys Kooperation mit dem US-Lieferdienst Gopuff, die kürzlich gemeinsam die Marke Good Nut auf den Markt brachten, ein Bio-Kokoswasser ohne Zuckerzusatz aus der Dose, das mit dem ersten zertifizierten Bio-Schokoladen-Kokoswasser sogar eine eigene Produktneuheit beansprucht. Kokoswasser ist in diesem Lager überhaupt ein Leitmotiv, weil es das Versprechen von Natürlichkeit und Funktion besonders glaubwürdig verkörpert, obwohl es, je nach Definition, der reinen Rehydrierungslogik nur bedingt standhält. In Deutschland besetzt das Kölner Start-up AV8 genau diese Nische und schärft sie weiter. Gegründet 2025 von Luca Jelin de Weber, Paul-Henri Eichhorn und Mark Mühürcüoglu, bietet AV8 funktionales Kokoswasser in der Dose an, das ohne Zuckerzusatz und nicht aus Konzentrat auskommt und sich nach eigenen Angaben als weltweit erstes ballaststoffreiches Kokoswasser in Sorten wie Ananas, Mango und Wassermelone positioniert.

Warum gerade jetzt jeder Hydration sagt

Dass sich so Unterschiedliches unter einem Wort versammelt, macht den eigentlichen Reiz des Labels aus. Hydration ist an nahezu jeden laufenden Gesundheitstrend anschlussfähig, an die Longevity-Bewegung ebenso wie an Clean Label, Zuckerreduktion und Performance-Kultur. Es ist regulatorisch vergleichsweise unkompliziert, weil im Kern Wasser und Mineralien stehen. Und anders als viele Hype-Begriffe hat es eine echte wissenschaftliche Wurzel, auf die sich Marken berufen können. Diese Kombination macht das Wort zum perfekten Träger. Es verleiht fast jedem Getränk eine Aura von Funktion und Seriosität, ganz gleich, ob das Produkt sie verdient.

Genau diese Beliebigkeit wird zum Problem, sobald der Wettbewerb zunimmt. Der Getränkemarkt gilt als einer der härtesten Konsumgütermärkte überhaupt, und bekannte Namen von Footballern und Fußballern allein tragen dort nicht weit. Alle beteiligten Marken müssen über den reinen funktionalen Nutzen hinaus immens in Marke und Marketing investieren, um zu bestehen, sei es online oder im umkämpften Handel.

Wo echte Differenzierung herkommt

Bleibt die Frage, die sich jede Gründerin und jeder Gründer in dieser Kategorie stellen muss: Wie entwickelt man ein Hydration-Produkt, das nicht nur funktioniert, sondern auch eine glaubwürdige Geschichte erzählt? Eine Antwort, die sich gerade an mehreren Stellen unabhängig voneinander herausbildet, verbindet Funktion mit einer überzeugenden Nachhaltigkeitsidee, konkret mit dem Upcycling bislang ungenutzter Rohstoffe.

Das Unternehmen Akoua etwa erschließt die Cashewfrucht. Bekannt ist die Cashewnuss, doch zu jeder Nuss gehört ein Cashewapfel, der in den Anbauregionen bislang weitgehend ungenutzt bleibt, obwohl auf ein Kilogramm Nüsse rund zehn Kilogramm Frucht entfallen. Die Frucht bringt natürliche Kohlenhydrate, Kalium, Magnesium, Vitamin C und ein eigenständiges Geschmacksprofil mit, also genau die Eigenschaften, nach denen Produktentwickler im Hydration-Bereich ohnehin suchen. Akoua macht sie als Saft und Konzentrat für die Getränkeindustrie verfügbar.

Ein ähnliches Muster verfolgt das Unternehmen Koa, das die weiße Pulpa der Kakaofrucht upcycelt, jenes fruchtige Fruchtfleisch, das bei der klassischen Kakaoernte rund um die Bohne meist verloren geht. Der gewonnene Saft erinnert geschmacklich an Lychee, Birne oder Zitrone, ist reich an Vitamin C und Antioxidantien und ermöglicht es Kleinbauern in Ghana, ihr Einkommen spürbar zu steigern. Dass die Idee auch große Hersteller überzeugt, zeigt CacaoVida, ein internes Startup von Ritter Sport, das unter dem Motto »Upcycling Cacao« ein Erfrischungsgetränk aus dem Saft und einem Aufguss des getrockneten Fruchtfleischs der Kakaofrucht entwickelt hat, gewonnen auf der eigenen Plantage in Nicaragua.

Drei unabhängige Beispiele, dasselbe Prinzip. Hydration wird hier nicht über ein weiteres Funktionsversprechen differenziert, sondern über einen Rohstoff, der Funktionalität, Geschmack und eine glaubwürdige Anti-Food-Waste-Geschichte miteinander verbindet.

Hydration als Lackmustest

Am Ende verrät das Wort mehr über die Branche als über das einzelne Produkt. Hydration ist zum Sammelbegriff für mindestens drei Geschäftslogiken geworden, die nur zufällig dasselbe Etikett tragen: für die wissenschaftlich fundierte Elektrolytlösung, für aromatisiertes Wasser und für den funktionalen Lifestyle-Drink. Wer das Wort benutzt, sollte deshalb sagen können, welches dieser Spiele er eigentlich spielt, ob er die Wissenschaft meint, den Geschmack, die Marke oder die Geschichte. Solange er das kann, ist Hydration ein nützliches Etikett. Solange er es nicht kann, ist es genau das, was es im Regal so oft ist: ein Versprechen ohne Definition.

Quellen:

EFSA NDA Panel: »Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to carbohydrate-electrolyte solutions«, EFSA Journal, 2011 (sowie Folgegutachten 2018)

WHO/UNICEF: »Reduced osmolarity oral rehydration salts (ORS) formulation«, 2003

Merck Manual Professional Edition: »Oral Rehydration Therapy«, merckmanuals.com, 2025

Ohio State Health & Discovery: »Is coconut water ›healthy‹?«, health.osu.edu, 30. September 2024

Kalman, D. et al.: »Comparison of coconut water and a carbohydrate-electrolyte sport drink«, Journal of the International Society of Sports Nutrition, PMC, 2012

NutraIngredients: »Electrolytes: science-backed supplement or smartly packaged salt?«, nutraingredients.com, 29. Januar 2026

Forbes / about-drinks: »Durstig nach Erfolg« (André Schürrle, Dryll), 1. September 2025

Business Wire: »Tom Brady and Gopuff Launch Good Nut Organic Coconut Water«, businesswire.com, 8. Juni 2026

Gründerszene / Business Insider: »Wie baut man eine Firma wie Air Up?«, 6. Oktober 2021

Schimroszik, Nadine: »Holy will mit bunten Pulver-Softdrinks den Getränkemarkt erobern«, Handelsblatt, 24. August 2023

»Waterdrop Microdrink«, Wikipedia (de), abgerufen 2026

Grothkopp, Katharina: »Dieses Getränke-Startup aus ›Die Höhle der Löwen‹ will den Markt aufmischen« (Wild&Water), Netzwelt, 9. März 2026

Bertram, Lena: »HYDR8: Von der Schnapsidee zum Elektrolyt-Drink«, 8. Oktober 2024

swyytr: Unternehmensprofil AV8 Hydration GmbH

»Internes Start-up von Ritter Sport launcht nachhaltiges Kakaofrucht-Erfrischungsgetränk«, about-drinks.com, 22. Juli 2021; Ritter Sport Blog: »CacaoVida«, blog.ritter-sport.de, 29. Juli 2021

Eigene Auswertung der Handelssortimente im europäischen und nordamerikanischen Markt (Sanji Trend Intelligence)

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