Liebe Anne, lieber Toan, euer Podcast heißt „Die Ärztin und der Nerd“. Wenn ihr auf den aktuellen Food-Markt schaut: Wer treibt das Thema Longevity gerade mehr voran? Die Wissenschaft (Ärztin) mit neuen Erkenntnissen oder die Hypes durch Social Media (Nerd)?
Toan: Viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben zwar Wissen, aber weder Sichtbarkeit, noch Reichweite. Deswegen werden Trends vor allem von der Influencer- und Creator-Economy getrieben. Diese haben zum einen oft ein eigenes Interesse daran, das Maximale aus ihrem Körper herauszuholen. Zum anderen müssen sie ihren Communities aber auch immer wieder neue Impulse bieten. Man kann seinen Follower nicht 3 Jahre lang den gleichen Ernährungsplan zeigen. Von daher bietet es sich an, wenn Protein- von Ballaststoff-Hypes abgelöst werden können, bevor in 12 Monaten wieder was neues kommt.
Anne: Die wirklich relevanten Fortschritte auch im Hinblick auf Food kommen klar aus der Forschung, z.B. Erkenntnisse zur Autophagie, Sichtweisen auf unseren Körper aus ‘Omics, statt nur auf einzelnen Marker. Auch biologisches Alter wird ein immer besser messbares, wenn auch weiterhin nicht verstandenes, Konstrukt und klassische Lebensstilinterventionen (Bewegung, Schlaf, Ernährung, Stress) zeigen überraschend starke Evidenz. Diese finden ja u.a. im Kontext von Food und Konsum statt. Neue Erkenntnisse verändern unser Verständnis von Altern fundamental – aber sie sind komplex, zunächst zu recht vorsichtig formuliert und somit selten sexy. Wissenschaft treibt das Feld sicher in die richtige Richtung, jedoch nicht in die Schlagzeilen, in den News Feed oder gar den Warenkorb der Allgemeinbevölkerung. Diese Komplexität smart und ohne fehlerhafte Vereinfachungen in den Alltag zu Übersetzung - hier liegen Chance und große Herausforderung im Longevity Drive.
Toan, du bist Experte für Popkultur. Aktuell wirkt Longevity oft noch wie ein Spielzeug für Silicon-Valley-Milliardäre und Tech-Nerds. Was muss passieren, damit das Thema „sexy“ und zugänglich für den Durchschnittskonsumenten im Supermarkt wird, ohne wie eine Krankenhaus-Diät zu wirken?
Toan: Man muss Longevity-Produkte genauso wie Lifestyle-Produkte positionieren. Es geht um Lebensgefühl, Aspiration und auch Status. Starke Marken sind immer auch identitätsstiftend, frei nach dem Motto: Sag mir was du kaufst und trägst und ich sage dir, wer du bist. Im Gaming, aber auch in Film und Literatur, nennt man das “World-Building”, also was sind die Bildwelten? In welchen Räumen und Orten bewegen wir uns und wie sehen die Menschen aus? Gibt es Helden und Heldinnen?
Anne, aus medizinischer Sicht ist „Essen“ ja biochemische Information für unsere Zellen. Wenn du durch einen deutschen Supermarkt läufst: Welches „falsche Signal“ senden wir unseren Körpern am häufigsten, und welches Lebensmittel wäre dein Nummer-1-Longevity-Hack für das Massenregal?
Aus biochemischer Sicht senden wir unseren Zellen vor allem ein ständiges Signal: „Energie ist grenzenlos verfügbar“. Diese Message entsteht vor allem durch die Kombination aus Visibilität und Angebot von Produkten aus raffinierten Kohlenhydraten, Zucker und industriellen Fetten, perfekt verpackt als „alltagstauglich“ und maximal convenient. Man denke an die Backtheke, Fertigprodukte aus To-Go-Theken, “gesunde” Frühstückssmoothies und die ungeheuer große Zahl an Snacks, denen wir uns kaum entziehen können. Hier ist kein einzelnes Lebensmittel der Bumann - sondern ein chronisches Signal an unseren Stoffwechsel die Herausforderung. Ständig snacken heißt: keine metabolische Pause für den Körper, dabei oft eine geringe Nährstoffdichte und ein dauerhafte Insulinreiz, der signalisiert: “Speichern und wachsen”. Longevity-relevante Programme wie Autophagie, Stressresilienz und mitochondriale Effizienz benötigen aber Zeit für Reparaturprozesse.
Als für alle zugänglichen Longevity-Hack denke ich super low-key: ein Hoch auf Hülsenfrüchte - sei es trocken oder vorgekocht, dabei möglichst naturbelassen, gern bio und trotzdem kostengünstig und so für alle verfügbar. Als Quelle pflanzlichen Proteins haben sie eine niedrige glykämische Last, richtig viele Ballaststoffe (2026 Trend!), sind reich an Mikronährstoffen und sind vor allem alltagstauglich. Das freut unseren Blutzucker, unser Darmmikrobiom und unsere Zellen.
Anne, wir sprechen im Report viel über „Healthspan“ statt „Lifespan“. Welche konkreten Inhaltsstoffe oder Produktkategorien haben aus deiner Sicht das größte Potenzial, uns nicht nur älter, sondern länger gesund zu halten? Geht es eher um den Verzicht (z.B. Zucker) oder um das Hinzufügen (z.B. Proteine)?
Das ist glasklar: Wir leben nicht in Verknappung sondern Überfluss. Eine Verlängerung der Healthspan entsteht primär durch Weglassen bzw Austauschen der falschen Signale und sekundär durch gezieltes Hinzufügen der richtigen. Wenn wir die Bedeutung von “Food is information” im Kopf haben, dann können wir durch Verzicht und Reduktion von Konsum auch einen Informationsüberfluss reduzieren. Dazu zählen dauerhaft erhöhte Insulin und IGF-1 Signale, die bei fehlenden Essenspausen bestehen. Aus diesen entstehen viszerales Fett, Entzündungen (“Inflammaging”) im Körper. Unser Metabolismus braucht Pausen - ohne Snacks, ohne kalorische Getränke, ohne Input. Zudem weniger von ultraverarbeiteten Produkten - die per se zum Überkonsum angelegt sind.
Statt Kalorienzählen spielt die Nährstoffmatrix eine essentielle Rolle. Wenn wir unseren Teller gezielt ergänzen wollen, dann durch mehr Ballaststoffe (ja, Fibermaxxing ist ein Megatrend auch in 2026) für Mikrobiom, Immunsystem, Blutzuckerstabilität sowie Wirkung auf unsere mentale Gesundheit. Wir sollten vielfältig, bunt und somit reich polyphenolreichen Pflanzenstoffen aus Beeren und Co essen. Je nach Aktivität und Lebensstil zudem mehr Proteine integrieren - diese gleichmäßig über den Tag verteilt, aus hochwertigen Quellen und mit Pausen der mTOR Aktivität. Omega-3-reiche Lebensmittel sollten nicht fehlen. Supplemente kommen dann erst ergänzend und möglichst personalisiert dazu.
Toan, Gamification ist ein Riesenthema. Wie können Food-Marken Mechanismen aus dem Gaming nutzen, um Konsumenten zu gesünderen Entscheidungen zu „nudgen“? Brauchen wir einen „Score“ für unseren Einkaufswagen?
Die Superkraft von Gamification liegt nicht darin, dass jetzt alle lernen müssen zu Coden. Gamification ist nämlich vor allem eine Technik, um das innere Kind der Menschen zu berühren. Es geht immer um Spiel und Spaß! Das kann bei der Verpackung starten, entweder durch die Gestaltung oder durch die Funktion. Labubus haben gezeigt, dass das Prinzip von Blindboxing, dass wir von Kinder Ü-Eier kennen, ja auch für Erwachsene funktioniert. Aber auch Scores helfen, wenn man selbst darauf Einfluss nehmen kann und der Held seines eigenes Einkaufswagen wird. Die Kasse muss mir also nicht nur einen Health-Score zeigen, sondern auch den Verlauf der letzten Einkäufe. Denn das ist der Trick bei Gamification: jeder will besser werden als das letzte Mal sein!
Ein großes Problem ist die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln. Jeder weiß, dass Gemüse gesund ist, trotzdem greifen wir zum Schokoriegel. Welche Rolle spielen Convenience-Produkte der neuen Generation? Können wir uns „gesund snacken“, oder ist das ein Widerspruch?
Anne: Traditionelle Convenience-Produkte sind auf drei Dinge optimiert: Direkte Belohnung, dabei geringe Sättigung und maximale Wiederholbarkeit. Übersetzt auf eine biochemische Ebene heißt das: schnelle Glukoseverfügbarkeit bei hoher Snackfrequenz und fehlenden Esspausen. Sie sind dadurch wenig sättigend und starten oft einen “Craving-Loop” mit wiederkehrendem Heißhunger. Echte Fallen sind viele Proteinriegel oder “High-Protein” Produkte wie Cookies. Oder Smoothies ohne Proteine und Ballaststoffe.
Neue Convenience-Produkte haben dann Relevanz, wenn sie nicht nur Inhaltsstoffe austauschen, sondern das Essverhalten verändern. Es müssen echte Lebensmittel erkennbar und enthalten sein - mit Struktur, Textur zum Kauen und Ballaststoffen. Zudem sollten sie den Blutzucker im Blick behalten, d.h. Fette, Proteine und Ballaststoffe kombinieren, statt Zucker zu verstecken. Eine Zielgruppe, die hier besonders relevant wird: Nutzende von GLP-1 Analoga. Diese werden per se weniger konsumieren, gleichzeitig hochqualitatives Protein und frische, ballaststoffreiche zur Deckung ihres Nährstoffbedarfs und Ausgleich möglich Mängel priorisieren.
“Gute” Snacks sind sättigend und ersetzen eine Mahlzeit - oder verlängern das Intervall zur nächsten und füllen nicht einfach eine Pause. Das sind echte Basics: Nüsse und Samen. Wieder die Hülsenfrüchte, zB Linsen und Kichererbsen. Auch Fermentiertes kann Convenience sein - da denke ich an Kefir und Kimchi to Go oder Naturjoghurts. Statt Süßem hilft es, Herzhaftes wie Oliven, Eier und Käse zu snacken. Ja, es gibt gesunde Snacks - wenn diese die Ausnahme und Hilfsmittel statt unser Go-To für ständiges “Grazing” sind. Wir nennen diese Alternativen “Better For You” (BFY) Foods - das sagt doch schon alles.
Toan: Ich weiß gar nicht, ob alle Leute alles wissen. Viele Menschen in meinem direkten Umfeld denken immer noch, dass Fruchtsäfte gesund sind, und dass Riegel Kraft geben. Und das ist auch nicht verwunderlich: Denn die Unternehmen mit ungesunden Lebensmittel haben nach wie vor viel mehr Mediabudget zur Verfügung und oft auch mehr Fläche im Regal. Ich sehe da also noch Potential - vor allem wenn man es mit Spaß und Freunde inszeniert! Wenn man sich selbst als Videospiel-Charakter vorstellen würde, der unterschiedlich auf verschiedene Snacks reagiert, würde man schon ganz anders über seinen Körper denken!
Toan, viele etablierte Food-Marken tun sich schwer, auf den Gesundheits-Zug aufzuspringen, ohne unglaubwürdig zu wirken („Health Washing“). Wie kommuniziert eine Pizza-Marke oder ein Softdrink-Hersteller glaubwürdig im Zeitalter von Longevity?
Toan: Entweder gar nicht, oder indem es am Produkt arbeitet. In Zeiten der Informationstransparenz, Social-Media und intelligenten Agenten, ist es schlichtweg unmöglich Konsumenten und Konsumentinnen für Dumm zu verkaufen. Kostenlose Podcasts machen die Leute jeden Tag ein bisschen schlauer, genauso wie Influencer, Youtube-Formate oder Netflix-Dokus. Die Spielregeln ändern sich gerade: Wer als Food-Marke kein Future- Health-Concept hat, wird über kurz oder lang abgestraft und aus dem Markt verschwinden.
Anne, das Thema „Personalisierte Ernährung“ (Bluttests, Glukose-Tracking) boomt. Ist das die Zukunft für alle, oder werden wir am Ende doch wieder bei allgemeinen Regeln landen, weil Personalisierung zu komplex und teuer für den Massenmarkt ist?
Anne: Der Trend zunehmender Personalisierung ist absolut vielversprechend - denn er erfasst etwas Hyperreales: Unsere Einzigartigkeit. Wie durch ein Fenster blicken wir bspw. mit Glukosemessern in den eigenen Körper und sehen wie sich dieser basierend auf genetischen Unterschieden im Stoffwechsel, aufgrund individueller Hormonverläufe, verschiedenen Mikrobioms und natürlich unserer aktuellen Lebensphase auf das was wir tun - zum Beispiel essen - verhält. Gerade Glukose-Tracking zeigt eindrücklich: There is no one size fits all. Wir alle essen einen Apfel - und unsere jeweilige Glukoseantwort wird sich unterscheiden. Das Wertvolle: Wir haben ein unglaublich wirksames Lerninstrument an der Hand, denn: seeing is believing. Was für meine Freundin funktioniert, muss für mich nicht richtig sein. Wie entlastend! Dies ist meiner Meinung nach einer der Schlüssel nachhaltiger Verhaltensänderung.
Wenn wir also smart longitudinale Labordaten (“messen, machen, messen”) mit Wearable Daten kombinieren, haben wir endlich einen Schlüssel das “Dogmatische” aus Ernährungsthemen zu nehmen und Menschen in ihren präferierten und geeignetsten Ernährungsweisen zu bestärken.
Natürlich gibt es einige Caveats: Zum einen (immerhin stetig fallende) Kosten und somit fehlende Health Equity. Ist Personalisierung aktuell schon für alle verfügbar? Sicher nicht.
Wichtig ist zudem, nicht nur Daten zu erfassen und immer mehr zu kontrollieren, was bei vielen Menschen Druck aufbaut, sondern datenbasierten Transfer in Alltagsverhalten zu etablieren. Auch ‘Food Anxiety’ kann entstehen, wenn durch Tracking Lebensmittel in “gut” und “böse” unterteilt werden. Hier helfen holistische Ansätze, die Genuss ebenso in die Matrix aufnehmen. Essen ist und bleibt ein kulturelles, emotionales Phänomen, das eine Peer Gruppe braucht.
Bottom Line: Personalisierung und Lernen anhand der eigenen Stoffwechselantwort kann datengetrieben sehr gut funktionieren - ist aber ein Werkzeug, dessen wir uns selbstwirksam ermächtigen können, und kein Selbstzweck oder Richtwert über unseren Alltag.
Nennt uns bitte ein Best-Practice-Beispiel (Produkt oder Marke), das aus eurer Sicht den Spagat schon gut schafft: Wissenschaftlich fundiert und/oder marketingtechnisch begehrenswert.
Toan: Der Oura-Ring macht natürlich einen phänomenalen Job. Es erinnert mich ein bisschen an das Neue Apple unserer Zeit, da es sich für die Menschen eher wie eine Bewegung und Religion anfühlt.
Anne: Die Frage finde ich extrem schwer. Die Techanbieter haben den großen Vorteil, stetig an Real-World-Daten der Nutzenden zu lernen. Gleichzeitig sind viele Scores und Algorithmen zum Beispiel zum biologischen Alter wenig transparent. Beunruhigen tut mich auch der Wilde Westen auf dem Supplementmarkt, wo Marketing Evidenz und Wissenschaft oft schlägt. Was mich begeistert: Ich sehe tolle Gründer:innen, die bspw Kimchi oder Tempeh oder hochwertiges Proteinpulver auf den Markt bringen - für eine bisher nischige Zielgruppe aber mit Fokus auf höchste Qualität.
Wenn wir uns den Supermarkt im Jahr 2035 vorstellen: Wird es dort eine eigene „Longevity“-Abteilung geben, oder wird das Thema so selbstverständlich sein, dass es in jedem Produkt steckt?
Toan: Die Leute werden 2035, spätestens 2040 so aufgeschlaut sein, dass Marken sich gar nicht mehr trauen werden, Mist in die Regale zu packen. Unternehmen, die gesund sind, lecker schmecken und ein Portfolio für jeden Geldbeutel bieten, werden alle anderen aus dem Markt kegeln.
Anne: Hier schaue ich relativ entspannt und zuversichtlich drauf. Statt der aktuell bestehenden Exklusivitäten und Hypes rund um “Longevity Corner” und “Superfoods” sehe ich nur eines als Erfolg: Reale Lebensmittel und BFY Foods als unser Go To und unaufgeregte Standards wie weniger Zucker, hohe Proteinqualität, ballaststoffreiche Angebote und weniger “alte” Convenience Produkte. Ich rechne mit einer Übergangsphase, in der wir Überforderung und Überangebot reduzieren und jetzt noch erklärungsbedürftige Produkte wie Fermentiertes durch Edukation und Platzierung unter ‘Longevity’ und ‘Health’ etablieren. Nach den hoch verarbeiteten Lebensmitteln (UPFs) werden Mikronährstoffe in den Fokus rücken. Ebenso wie “light” Produkte oder “Anti-Aging” auf Kosmetika als Begriffe verschwunden sind, werden wir in 2035 nicht mehr die spezialisierte, überteuerte Abteilung suchen müssen, um Langlebigkeit zu praktizieren. Wenn wir 2035 noch „Longevity“ draufschreiben müssen, haben wir bis dahin einiges falsch gemacht.
Empfehlung
Die Ärztin & der Nerd. Der Longevity-Podcast.
Was passiert, wenn medizinische Forschung, Biohacking und Popkultur aufeinandertreffen? Im neuen Longevity-Podcast “Die Ärztin & der Nerd” denken Dr. Anne Latz und Toan Nguyen die Zukunft der Gesundheit neu – von Prävention über Ernährung bis Performance. Sie zeigen, warum Longevity nicht nur Medizin, sondern auch ein Food-Thema ist: Welche Rolle spielen Ernährung, Fasten, Mikronährstoffe und Functional Food, wenn es darum geht, länger gesund, klar und leistungsfähig zu bleiben?


