Während die Marketingbudgets für teils riesige Messestände und beeindruckende Lichtinstallationen scheinbar unangetastet bleiben, wird bei der eigentlichen Produktentwicklung offentsichtlich weiterhin der Rotstift angesetzt.
Was wir aktuell sehen, ist oft nicht mehr als „alter Wein in neuen Schläuchen“. Die zehnte Line-Extension eines bekannten Riegels, das hunderte Fruchtgummi mit „verbesserter“ Rezeptur. Alle reden vom Sparen, doch offensichtlich wird vor allem an der Innovation gespart. Es ist mir schleierhaft, warum Unternehmen viel Geld für Messeauftritte in die Hand nehmen, wenn sie eigentlich nichts Neues zu erzählen haben.
Wer an der Innovation spart, spart an der Relevanz von morgen. Und das scheint aktuell für 99 Prozent der Unternehmen zu gelten, die sich vergangene Woche in Köln präsentiert haben.
Neben einigen wenigen positiven Überraschungen, die man auf der Internationalen Süßwarenmesse entdecken konnte, findet echte Innovation aktuell woanders statt – oft fernab der großen Hallen, getrieben von Entrepreneuren, die Kategorien völlig neu denken. Ein Blick auf unser internationales Trendradar zeigt, was möglich ist, wenn man Mut zur Nische und Lust auf echten Mehrwert hat.
S’NOODS: Wenn die Nudel zum Snack wird
Das US-Startup S’NOODS macht genau das, was vielen Konzernen fehlt: Es nutzt die Nostalgie eines vertrauten Produkts – der Nudel – und transformiert sie in ein völlig neues Snacking-Erlebnis. Gründerin Lauryn Bodden (bekannt als Gewinnerin der Netflix-Show Snack vs. Chef) hat keine zerbröselten Instant-Nudeln eingetütet (wie es auf der ISM zu entdecken war), sondern ein Produkt entwickelt, dass Kindheitserinnerungen mit einem wahrhaft neuen Erlebnis verknüpft.

S’NOODS
S’NOODS sind „Noodle Chips“. Die Basis besteht aus einer Mischung aus Kartoffel-, Reis- und Kichererbsenmehl. Das Ergebnis ist eine Textur, die den typischen „Crunch“ von getrockneten Nudeln einfängt, aber in einer luftigen, hochwertigen Chip-Form daherkommt. Und das Ganze ist auch noch glutenfrei. Zudem wird hier nicht einfach nur gewürzt, hier wird ein Gericht „übersetzt“. S’NOODS bietet Sorten wie Spicy Miso Ramen, Cavatappi Carbonara oder Rigatoni Basil Pomodoro.
Little Latke: Tradition entstauben (auch im Regal)
Snacking heißt bislang immer noch “Kartoffeln ohne Ende”. Meistens sind es die immer gleichen, gepressten Formen. Little Latke aus Brooklyn zeigt, wie man einen kulturellen Klassiker – den Latke (quasi die jüdischen Version des Reibekuchen) – modernisiert. Was ursprünglich mal als Tiefkühl-Variante began, gibt es heute als Latke Crisps für das Snackregal. Die Crisps sind keine simplen Chips, sondern bilden die DNA eines Latkes (Kartoffel, Zwiebel, Ei) in einer haltbaren Form ab.
UHA Cororo: Sensorik als Hochtechnologie
In Japan ist Obst ein Luxusgut. Eine perfekte Weintraube wird dort wie ein Juwel verehrt. UHA Mikakuto hat dieses Erlebnis mit Cororo industrialisiert – ein technologisches Meisterwerk.
Statt des klassischen Gelatine-Bissens nutzt Cororo eine hauchdünne Kollagenhülle, die beim Draufbeißen „platzt“ – exakt wie die Haut einer frischen Traube. Ein extrem hoher Fruchtsaftanteil sorgt für eine Saftigkeit, die meilenweit vom europäischen „Chewy-Einheitsbrei“ entfernt ist. Während wir über vegane Ersatzstoffe streiten, zeigt Japan, dass Sensorik (Texture!) eine eigene Innovations-Disziplin ist.
Bish Bars: Schluss mit dem „One Size Fits All“-Ansatz
Ich hatte mir viel vom Trend um Functional Snacking erhofft. Was ich fand war aber ganz viel Protein (ernsthaft… immer noch?) und Kreatin (na immerhin). Doch sind diese Inhaltsstoffe nicht nur längst omnipräsent, sie lösen dennoch keine wirklich existenzen Probleme. Aber 50 % der Bevölkerung haben spezifische hormonelle Bedürfnisse, die von Standard-Snacks ignoriert werden.
Hier setzt Bish Bar an. Das sind keine normalen Proteinriegel. Sie wurden speziell entwickelt, um den weiblichen Hormonhaushalt und den Zyklus zu unterstützen. Statt nur Makros (Protein/Fett) zu zählen, zählen hier die Mikros. Magnesiumbisglycinat für den Schlaf, Eisen für die Energie, Ashwagandha gegen Stress. Mit Sorten wie Date Yourself (Erdnussbutter/Schoko) und Süßung durch rohen Honig wird Gesundheit nicht zur Bestrafung, sondern zum „Treat“. Das ist die nächste Stufe von Functional Food: Weg vom Gießkannen-Prinzip, hin zur maßgeschneiderten Lösung für echte physiologische Bedürfnisse (wie PMS oder Zyklus-Schwankungen). Ein Thema, das auf den großen Bühnen noch viel zu leise war.
Lolly’s Frozen Grapes: Der Lifehack als Business-Case
Manchmal ist Innovation nicht die Erfindung des Rades, sondern einfach nur logisches Denken. Jeder Foodie kennt den Sommer-Lifehack: Weintrauben einfrieren. Sie bekommen eine Sorbet-artige Textur, die fast wie Eiscreme schmeckt. Lolly’s aus Kalifornien hat diesen Hack industrialisiert.

lolly's
Rote, kernlose Trauben, gefroren, in dunkle Schokolade getaucht. Fertig. Keine Emulgatoren, keine Sahne, keine E-Nummern-Orgie. Immerhin, mit Frapes, bot die Messe eine positive, wenn auch “saure” Überraschung. Und dennoch: Ich hätte mehr solcher Ideen erwartet.
Snoozy: Wo war der Schlaf-Trend?
International ist „Functional Sleep“ eine der dynamischsten Kategorien überhaupt. Ich habe vor einiger Zeit auch bereits einen Deep Dive dazu verfasst. Auf der ISM? Gähnende Leere. Selbst simple Melatonin-Produkte suchte man vielerorts vergebens. Während wir den Trend komplett verschlafen, zeigt Snoozy aus den USA schon die nächste Evolutionsstufe. Statt der chemischen Keule setzt man auf Synergie. Der Bedtime Buddy ist melatonin-frei und nutzt Reishi-Pilze, L-Theanin und Kräuter, um das Nervensystem sanft herunterzufahren.
In den USA nutzt Snoozy auch Hanf-Derivate wie CBN oder Delta-9-THC für den Schlaf-Effekt. Das ist in der EU zwar regulatorisch (noch) Zukunftsmusik und nicht zugelassen, zeigt aber: Die Zukunft gehört komplexen, pflanzlichen Wirkstoff-Komplexen, nicht dem isolierten Standard-Hormon aus dem Labor.
Final Boss Sour: Gamification im Obstregal
Trockenobst gilt oft als langweilig und vernünftig. Final Boss Sour aus L.A. jagt das Thema durch den Filter der Gaming-Kultur. Echte getrocknete Früchte (Erdbeere, Mango) werden extrem sauer ummantelt. Aber statt Sorten gibt es „Levels“. Level 1 ist der Einstieg, Level 3 ist eine körperliche Herausforderung.

Final Boss Sour
Hinter der Brand stecken die Macher von Liquid Death. Sie wissen: Man muss Produkte heute inszenieren. Sie nutzen den Hype um „Sour Candy“, liefern aber eigentlich Obst. Während andere Hersteller Bio-Trockenobst in beige Tüten packen, macht Final Boss Sour daraus ein neongrelles Spiel für die Gen Z.
Mein Fazit: Mut ist das neue Budget
Der Rundgang über die ISM hat eines gezeigt: Die Branche verwaltet sich oft nur noch selbst. Man optimiert die Marge im Promille-Bereich, verliert dabei aber den Anschluss an die Realität der Konsument*innen. Marken wie hitschies können war vorrübergehend durch starkes Marketing aus der Masse herausstechen, doch für die Zukunft braucht es mehr, als Drachenzungen jede erdenkliche Kategorie zu packen.
Die Beispiele oben zeigen: Innovation braucht keinen Porsche am Messestand. Sie braucht den Mut, Kategorien zu verlassen (S'NOODS), Tabus zu brechen (Bish Bar, Snoozy) und Produkten wieder eine Seele oder ein Spiel zu geben (Final Boss). Wir brauchen weniger „alte Weine in neuen Schläuchen“ und mehr Produkte, die uns beim ersten Biss wirklich überraschen. Die ISM 2026 hat viel geboten – aber die echte Zukunft des Snackings findet man gegenwärtig ganz woanders.
